Worte, die mir begegnen

Ich habe seit meiner Kindheit das Gefühl, dass Worte, die mir begegnen, von weit her kommen. So richtig bewusst wurde mir das jedoch erst mit 54, als ich die Ausbildung zur Mediationslehrerin machte. Es war während der Stillephase einer aktiven Meditation, als vor meinem geistigen Auge ein Text erschien. Klar und deutlich geschrieben wie mit Kreide auf einer Tafel: 

'Ich habe Gott durchschaut. Er mich auch. Jetzt schauen wir beide nicht mehr hin.'
 
Und der Text entzog sich mir nicht, wie das sonst meist der Fall ist. Er blieb lange und deutlich und ich konnte ihn lesen und verinnerlichen. Er war ohne jeden Zweifel für mich gedacht. Denn Texte sind scheu. Sie sind verspielt und nur in einem Anfall von Mut zeigen sie sich. Sie verschwinden aber genau so schnell wie sie kommen. Es braucht hohe Aufmerksamkeit sie einzufangen. Man muss jederzeit bereit sein dafür.

Worte fühlen

Meistens kommen die Worte nicht in geschriebener Form zu mir. Sie besuchen mich in Form eines Gefühls. Irgendwie habe ich dann immer den Eindruck, man traue mir die höchste Schwierigkeitsstufe zu. Ein Gefühl in Worte zu übersetzen ist für Menschen allgemein sehr anspruchsvoll. Der einzige Vorteil, den ich habe: niemand kann überprüfen, wie gut mir die Übersetzung gelungen ist. Ob und wie gut sie mir gelingt, hängt von vielen Voraussetzungen ab. Die wichtigste ist, dass ich genau in dem Moment, in dem das Gefühl auftaucht, Zeit habe, mich ganz darauf einzulassen. Und anschliessend ist es dasselbe wie mit einem frisch zubereiteten Kaffee: man sollte sich von seinem herrlichen Duft verführen lassen, ihn geniessen, solange er heiss ist, und sich keinesfalls dabei stören lassen.

PS. Ich selbst kann auf ganz einfache Art feststellen, wie gut mir die 'Übersetzung' gelungen ist. Kommt beim laut Lesen des Gedichts dasselbe Gefühl auf wie beim Empfangen der Nachricht - sei es ein Schauer auf der Haut oder eine unerklärliche Ergriffenheit - dann ist die Botschaft angekommen.