Meditativer Zugang zu Pflanzen
Aus der Projektarbeit von Yvonne Obrecht
zum Abschluss des Inforama-Kräuterseminars 2022/23
«Die Menschenfamilie ist so vielfältig wie die Pflanzen- und Tierwelt. Darum wird jede und jeder, der die Texte aus meinen Zwiegesprächen mit den Pflanzen liest, etwas anderes verstehen.
Manchmal ist es das, was jetzt gerade gebraucht wird und manchmal schütteln wir nur den Kopf darüber, weil wir gar nichts davon zu verstehen scheinen. Und dann, wenn wir gar nicht mehr daran denken, erreicht uns – scheinbar aus dem Nichts - eine Erkenntnis im Zusammenhang mit einem dieser Texte. Ein magischer Moment, wenn man Zeuge sein darf, wie sich eine Botschaft entfaltet.
Es gibt nichts zu glauben oder zu suchen. Sich einzulassen ist alles, was es braucht.
So habe ich die Botschaften der Pflanzen verstanden.»
Yvonne Obrecht
Ausstellung Projektarbeit "Meditativer Zugang zu Pflanzen" am Inforama Bärau, Emmental (22.9.2023)
Ausstellungsfotos: Marlies Budmiger
Storchenschnabel
Geranium robertianum
Schafgarbe
Achillea millefolium
Sauerklee
Oxalis acetosella
Sauergrauech
Malus
(Hochstamm-Apfelbaum in meinem Garten)
https://www.prospecierara.ch/de/saison-lieblinge/herbst/sauergrauech.html
Holunder
Sambucus
Bartflechte
Usnea Barbata
(Schweden)
Rot- und Weisstannen
Picea abies / Abies alba
Ich möchte dir zuhören.
Doch du lenkst meinen Blick auf das Viele, das uns hier umgibt. Oder bilde ich mir das ein?
Ich bin da. Doch anders als du. Ich sehe alles, vor allem das Leben. Und dieses Sehen, das schenke ich dir.
Ich danke dir.
Was brauchen wir Menschen heute am meisten?
Höre das Rauschen meiner Blätter und das Singen der Vögel.
Ich höre es.
Nein, höre hin!
Das ist anstrengend.
Dann höre anders hin.
Wie denn?
So wie ich.
Wie hört denn eine Birke hin?
Ich BIN einfach, empfange und empfinde alles. Ich verbinde meine Sinne und erfahre. Das ist tiefes Hören, es geht mitten ins Herz aller Dinge. Und das fühlt sich bei mir an wie ein Gruss, wir sind auf diese Art verbunden, du und ich und alles um uns herum mit uns. Das ist es, was ihr Menschen am meisten braucht: Verbunden sein, einander wahrnehmen, nicht nur Mensch
zu Mensch, sondern Lebendiges zu Lebendigem und zu allem, was dieses Lebendigsein ermöglicht.
Ich mag dich. Es tut so gut bei dir zu stehen.
Und ich mag dich. Du hast das Leben in dir und den Tod. Und du siehst beides. Nimm beides an, lass beides gewähren. Meine Stärke liegt genau darin und ich spende Kraft für beide Seiten und zeige damit: es ist eins. Lass dich davon tragen.
Ich danke dir und ich freue mich jeden Tag, dass du in diesem Garten stehst und mir Gastrecht bietest.
Ich danke dir. Ich empfange deine Wertschätzung mit grosser Freude.
Birke
Betula
(in meinem Garten)
Kannst du mich verstehen?
Ich kann mehr, ich kann dich sehen. Ich erkenne dich mit meinem Herz. Ich erkenne dich mit deinem Schmerz.
Ich mag dein Wesen, deine Stärke
Und ich mag dein Feingefühl und deine Ohren.
Warum denn meine Ohren?
Weil sie wirklich hören können und alles direkt in deinem Herzen landet.
Ich danke dir, aber was dir gefällt, ist nicht immer leicht für mich.
Das weiss ich doch und darum gefällst du mir, weil du trotzdem tief hinhörst und es ungefiltert in dein Herz lässt.
Ich danke dir, du beschreibst meine Schönheit, die ich selbst so noch nie als das erkannt habe. Du bist für mich der Baum der Erkenntnis.
Das sind alle Bäume, alle Pflanzen. Es braucht nur ein Herz, um es zu erfahren.
Wie kann ich das Schwere, das in mein Herz kommt, leichter machen?
Trinke meine Blüten, atme ein den Zauberduft. Beides wird Schmerz und Schwere verwandeln und nach aussen tragen. Lass dein Herz immer wieder fröhlich sein, sieh das Leiden, aber lass es auch wieder los.
(Noch lange sitzen und Erfahrenes würdigen)
Linde
Tilia
(Lihnen-Linde bei Zollbrück - Kraftort)
Danke, dass ich hier sein und unter dir ruhen darf. (Ich singe das Gayatri Mantra zum Dank)
Es hat mich immer zu dir gezogen, wenn ich hier durch gegangen bin. Mir fehlen dennoch grad die Fragen. Gibt es etwas, dass fu mir sagen willst?
Dein Geist ist aufgewühlt. Du solltest mehr SEIN.
Das tue ich doch. Ich bin hier, im Wald und sitze unter dir.
Ja, aber ausser beim Gesang fühle ich, dass du arbeitest. Du BIST nicht.
Ja, da hast du wahrscheinlich recht. Das ist leider ein sehr aktuelle "Krankheit" unter den Menschen. Aber Dinge müssen halt auch erledigt werden.
Nein, tu sie einfach. Wenn du sie erledigst, gehst du daran vorbei.
Das verstehe ich nicht.
Bist du ganz im Tun, bist du ganz im Jetzt?
Ich tue und irgendwann habe ich die Arbeit erledigt.
Ja, das ist später. Jetzt bist du im Tun und das verlangt volle Aufmerksamkeit. Was nimmst du jetzt gerade wahr, wenn du hier unter mir sitzt?
Ich höre die Vögel, die Insekten. Ich fühle einen kühlen Windhauch ab und zu und es riecht wunderbar nach Wald.
Interessant.
Das alles nimmst du ja auch wahr. Nichts Neues, oder?
Nein, interessant finde ich, dass du am Schreiben bist, das aber nicht erwähnst bei deiner Aufzählung. Nimmst du das etwa nicht wahr?
Hm, doch, natürlich, aber ich dachte du meinst wahrnehmen um mich herum.
Wahrnehmen hat keine Begrenzungen. Wahrnehmen und erfahren kannst du alles. Du kannst es über deinen Körper und deine Sinne und du kannst es, weil du noch mehr bist als dieser Körper.
Was meinst du genau damit?
Genau gibt es da nicht. Es ist ein Geheimnis und doch liegt es immer offen da. Es ist ein Teil aller Wesen, offenbart sich aber nur jenen, die ihm Raum lassen.
Und wie lasse ich ihm Raum, diesem Geheimnis?
Ganz einfach: Begrenze dich nicht.
Mache ich das denn?
Ja, wenn du erledigst, statt ins Tun einzutauchen, wenn du aufzählst, statt wahrhaftig zu hören, zu riechen, zu sehen, zu spüren und zu schmecken.
Aber ich bin begrenzt. Ich habe eine Körperform, eine Grösse, eine Lebenszeit.
Ich meine nicht deine materielle und biologische Gegebenheit. Ich meine das, was dich ausserdem ausmacht.
Was mich ausserdem ausmacht? Was macht dich denn aus?
Das, was dich gerufen hat, heute unter mir zu sitzen, zuzuhören und doch ganz du zu sein, damit sich unsere beiden Zauber für diese Begegnung vereinen können.
(Sprachlos und verzaubert sitze ich noch ein Weilchen unter dem Haselstrauch)
Ich danke dir für diese Begegnung.
Hasel
Corylus avellana
(Gayatri Mantra: https://www.youtube.com/watch?v=yQjHSIHPJfw)
Du bist sauer und doch hast du auch etwas Süsses. Du bist zart und lieblich und doch auch stark und kräftig. Wie erlebst du uns Menschen?
Euer Blick ist in der Ferne, auf der Suche nach dem nächsten Ziel. Ihr schaut selten hin, wo ihr geht.
Ist das schlecht?
Es ist, wie ich es wahrnehme. Was ist denn gut, was ist denn schlecht?
Ich meinte damit, ob uns dieses Verhalten dient oder ob es uns schadet.
Du stellst lustige Fragen. Wisst ihr denn das nicht selbst?
Ich kann nur für mich sprechen. Ich schaue hin, dort wo ich lebe und ich kann den Blick auch weiten.
Ja, du schaust hin und du setzt dich zu uns. Warum eigentlich?
Ich merke schon, ihr seid schlau, denn eigentlich wollte ich die Fragen stellen.
Ja, das ist auch typisch für euch. Ihr verlangt nach Antworten, statt sie selbst zu finden.
Das ist halt oft nicht leicht.
Die Antwort zu finden ist leicht. Womit ihr euch schwer tut, ist ein Weilchen mit der Frage zu leben.
Du kannst mit einer Frage leben?
Das machen wir Tag und Nacht. Auch wir hinterfragen unsere Existenz und unseren Zweck und tun gleichzeitig einfach, was wir können.
Das tun wir doch auch. Viele von uns finden dabei aber nicht heraus, was sie können.
Du meinst wohl eher wollen.
Ist das nicht dasselbe?
Manchmal, wenn der Ruf so stark ist, sind Können und Wollen darin enthalten.
Euer Ruf ist offensichtlich stark. Ihr wisst, wo es euch am wohlsten ist und ihr kennt eure Stärken.
Das tut ihr auch. Ihr hört nur zu wenig zu und möchtet zu viel, wo weniger gefragt wäre.
Ihr hört zu?
Nein, ich bin einfach.
Ich bin auch.
Ja, vielleicht jetzt gerade, in diesem Moment.
Du denkst, dass wir nur zwischendurch im Sein sind?
Genau, meistens seid ihr im Tun.
Aber um tun zu können, muss man doch als erstes sein.
Natürlich seid ihr lebendig. Aber bewusst seid ihr selten.
Woran erkennst du das?
Ihr seht nicht wo ihr geht, seid sehr kurzsichtig, wenn es um etwas geht, das ihr jetzt gerade haben wollt. Das finde ich faszinierend, wie weit und wie eng ihr den Blick machen könnt. Aber dazwischen gibt es nichts.
Was gäbe es denn dazwischen?
Na eben, einfach sein.
Also du meinst ohne Zweck, Absicht oder Ziel?
Genau, und in dieser Haltung einmal tun, was ihr wirklich könnt.
Traust du uns das zu?
Ich traue euch ebenso viel zu wie mir selbst. Nehmt diese Haltung gegenüber einander ein, dann wird sich vieles ändern.
Ich danke dir für deine Botschaften. Deine herzförmigen Blätter zeigen schon, was uns unterstützen kann.
Dein Besuch hat uns gefreut. Schön, wenn sich etwas klären durfte.
Sauerklee, blühend
Oxalis acetosella
Wahrnehmung und Erkenntisse aus der Pflanzenmeditation
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Wie kann man das Lebens- und Seinsgefühl einer Pflanze und des Gebietes, in dem sie lebt, erspüren?
Durch den Ort, die Gerüche und die Geräusche, die etwas mit mir machen, meine Wahrnehmung auf emotionaler und körperlicher Ebene verändern.
Verstandesgesteuerte Entscheidungen basieren auf logischen Überlegungen und rationalen Bewertungen. Beim Erkunden und Verstehen des Unbekannten, ist die Gefühlsebene äusserst wertvoll. Sie ermöglicht uns, Intuition und persönliches Empfinden einzubeziehen und zu erfahren, was auf den ersten Blick vielleicht nicht offensichtlich ist. Der logische Verstand kann auf «Daten» zurückgreifen, aber wir vergessen dabei oft, dass diese begrenzt oder widersprüchlich sein können. Unser Gefühl oder Bauchgefühl kann wichtige zusätzliche Hinweise liefern.
Wahrnehmen, was sich bei mir verändert
Hat sich der Raum für die Begegnung geöffnet, nehme ich wahr, was sich gefühlsmässig bei mir verändert: Fühle ich mich ruhig, zufrieden, quirlig, aufgeregt, ergriffen, traurig? Ich lasse diesem Gefühl Raum, nehme es wahr und dann löst es sich meist auf in ein Gefühl der Lebendigkeit. Alles ist einfach, leicht, verbunden[1]. Dann folgt meist ein innerer Dialog. Dabei habe ich gelernt, dass das Unerwartete und Rätselhafte mir anzeigt, dass ich in Kontakt bin. Wenn ich offen und unvoreingenommen bleiben kann, bin ich ganz durchlässig für die Energie der Pflanze und ihre Seins- und Heilkraft.[2]
[1] Sakraler Raum > Ein Raumempfinden, wo Zeit keine Rolle spielt und jedwede Handlung Sinn macht.
[2] Der magische Umgang mit Kräuterkräften setzt eine ganzheitliche Persönlichkeitsstruktur voraus, die sich gegenüber den Naturkräften durchlässig verhält. Durchlässig, um aufzunehmen, was im Moment für die Erkenntnis notwendig ist. Diese intime Erkenntnis dient der ganzheitlich wirkenden Energie: Dem Heilen. Heilen bedeutet im magischen Sinne «Ganz, rund im Moment sein».
(Beide Zitate aus: Inforama, Kräuterseminar, Modul 7 – Magie und Mythologie der Pflanzen, Christine Funke)
Die Fähigkeit, zu empfinden
Einzelne Pflanzen habe ich mehrmals besucht. Dabei ging es entweder um einen weiteren, tiefergehenden Austausch oder einen zweiten Versuch zur Kontaktaufnahme, wenn es beim ersten Mal nicht geklappt hat. Dabei war ich immer wieder erstaunt darüber, wie auch Pflanzen Stimmungen unterworfen sind. Wir Menschen bzw. die Wissenschaft geht davon aus, dass die Fähigkeit, Emotionen zu empfinden mit der Komplexität des Nervensystems und der Verarbeitung von Sinneseindrücken zusammenhängt. Aber genauso geheimnisvoll, wie das Herz ohne unser Zutun schlägt, sind auch die unendlichen Möglichkeiten für alles Lebendige, an diesem Leben auf vielfältige Art teilzunehmen.
Eine magische Begegnung wiedergeben
Die Wiedergabe und Formulierung der Zwiegespräche und erhaltenen Botschaften ist nicht ganz einfach. In einem ersten Schritt notiere ich alles, was ich im Kontakt höre/fühle so wie es gerade kommt. In einem zweiten Schritt lese ich das Geschriebene und versuche, auf der menschlichen Ebene zu verstehen. Wenn ich mich anschliessend wieder in das Gefühl im Moment der Meditation hineinversetze, finde ich oft die Art der Formulierung, die – aus meiner Sicht – verstanden werden kann.
Beschreibende Worte geben nur unzureichend wieder, was ich erlebt und gefühlt habe. Oft ergibt sich eine poetische Formulierung, die den Zauber einer solchen Begegnung am besten zu fassen mag. Dennoch sind die Botschaften auch in dieser Form an vielen Stellen nach wie vor verschlüsselt und es erfordert Neugier und die Bereitschaft, ganz neu und anders hinzusehen, um nicht nur die Worte zu lesen, sondern auch die Botschaften zu erkennen. Die Magie dabei ist, dass bei jedem Menschen etwas anderes ankommt oder auf den ersten Blick auch mal nichts verstanden wird. Das erfahre ich immer wieder, wenn ich meine Texte jemandem zum Lesen gebe.
Und ich bin stets aufs Neue überrascht und gleichzeitig dankbar, wie mir diese Feedbacks immer wieder deutlich machen, wie wir alle unsere Welt und ihre Geheimnisse unterschiedlich wahrnehmen. Das ist etwas, dass es im Umgang und Austausch mit unserem jeweiligen Gegenüber zu respektieren gilt – egal ob Pflanze, Tier oder Mensch.
Effekte aus den Pflanzenmeditationen
Oft bin ich stundenlang unterwegs, bevor ich mich zu einer Pflanze setze. Während der Projektarbeit gab es auch Zeiten, die ich mir speziell für diese Meditationen reserviert hatte, dann aber genau in diesen Momenten müde oder über etwas verärgert war. Irgendwann fiel mir auf, dass es mir nach einer Pflanzenmeditation jeweils besser ging: ich war wacher und zufriedener, manchmal sprühte ich auch vor Unternehmungslust, obwohl ich mich vor der Meditation ausgelaugt fühlte und eigentlich gar keine Lust hatte, auf dem harten oder feuchten Wald- oder Wiesengrund zu sitzen.