Leben zwischen zwei Weisen
Yvonne Obrecht – 6. Dezember 2025
Das Haus, in dem ich lebe, wurde zwischen einer Linde und einer Birke gebaut. Genau, Sie haben richtig gehört, das Haus wurde dazwischen gesetzt und nicht die Bäume zum Haus. Mein Mann und ich fühlten uns sofort hingezogen zu dem unspektakulären Grundstück am Rande des Ortes, in dem wir leben. Mit unspektakulär meine ich ohne große Aussicht, relativ nahe an der Hauptstraße und ziemlich steile Hanglage. Und doch hat der Ort eine gut spürbare Strahlkraft. Davon zeugen die großen, alten Bäume, die auf dem Grundstück stehen. Auch das alte, halbzerfallene Bauernhaus mit seinem lottrigen Ofenhaus, die damals beide dort noch standen, hatten eine ganz eigene Ausstrahlung.
Wir teilten uns das Grundstück mit unserem künftigen Nachbarn und im oberen Teil, wo unser Haus zu stehen kommen sollte, standen eine beeindruckende Linde und eine hochgewachsene, wunderschöne Birke. Ich war sofort verliebt und ich versprach beiden, dass wir ihre älteren Rechte respektieren werden. Wer mit 40 Jahren einen Baum pflanzt wird es nicht erleben, dass dieser Baum so groß wird, wie diese zwei. Ich genieße es jeden Tag, zwischen zwei imposanten Weisen zu leben. Den mächtigen Stamm der Linde sehe ich von meinem Küchenfenster aus. Seine Stärke und Zuversicht erfassen mich mit jedem Blick aus dem Küchenfenster. Im Sommer verströmen die Blüten dieses herrlichen Baums einen wundersamen Duft, der nicht nur die Insekten verzaubert. Die Birke sehe ich von meinem Bett aus. Zu jeder Jahreszeit ist sie bezaubernd, spendet Schatten im Sommer und lässt doch das Licht durch ihre filigranen Äste und zarten Blätter schimmern. Sie ist Zuhause und Raststätte für Vögel aller Art und ich liebe es, wie sie den Wind für mich sichtbar macht, wenn er durch ihre Zweige streift und ihr Blätterkleid zum Tanzen bringt.
Liebes Leben
Ein Liebesbrief an die Fülle des Daseins
Yvonne Obrecht – 28. November 2025 (ursprünglicher Text von 2022)
Liebes Leben
Hier sitze ich und schreibe einen Liebesbrief an Dich. Ich weiss vieles über Dich und doch überraschst Du mich immer wieder. Es gibt vieles an Dir, das ich eigentlich nicht mag. Ich weiss, das tönt nicht gerade nach Liebe und doch ist es genau das, denn ich vertraue Dir – gerade weil Du mir auch viel zumutest, das ich weder mir selbst noch jemand anderem zumuten würde.
Ist es eine Liebeserklärung, wenn man jemandem sagt: ich vertraue Dir, egal was Du mit mir anstellst? Ziemlich schräg, oder? Aber für mich einfach wahr! Du weisst mehr über mich als irgendjemand sonst. Oft sogar mehr, als ich selbst über mich weiss. Zwischen uns ist eine tiefe, bewusste Verbindung. Du traust mir zu, was meine Kräfte übersteigt. Du lässt mich höher fliegen, als ich es je für möglich gehalten hätte. Das Vertrauen in mich selbst hast Du mich gelehrt. Jedes Glücksgefühl, jede Traurigkeit, jede Enttäuschung, jeden Schmerz und jede Angst hast Du mir bereitet. Du hast mich dabei nie alleine gelassen und ich habe alles mit Dir geteilt. Du hast mir bisher nichts erspart und das konsequent. Du hast keine Freude geschmälert, kein Leid erleichtert und Du hast alles, was ich aus meinen Höhen und Tiefen gemacht habe, angenommen, hast mich angenommen und mich immer meinen eigenen Weg gehen lassen.
Wir gehen Seite an Seite und gleichzeitig bin ich immer Teil von Dir, egal ob ich an der Oberfläche gehe oder tief in Dich eintauche. Deine Intensität ist immer dieselbe, nur ich bin es, die ab und zu schwankt, zögert oder sich verweigert. Mit unendlicher Geduld zeigst Du mir alles, was wichtig ist. Und jede Lektion ist erst zu Ende, wenn ich verstanden habe. Viele Lektionen habe ich gelernt, in vielen bin ich noch mittendrinn und einige werde ich wohl noch ein paar Mal wiederholen müssen. Und all das mache ich aus Deiner Mitte, die auch die meine ist. Egal wie sehr es stürmt und wie hoch der Wellengang ist, in dieser Mitte bin ich wunschlos und zufrieden, kann ich Glück geniessen, Traurigkeit leben, Wut annehmen, Schmerz aushalten, Erfolge feiern, scheitern und Schwäche akzeptieren und dabei immer mein Licht leuchten lassen.
Deine Flamme brennt heiss in mir. Manchmal kräftig lodernd, manchmal zart leuchtend oder unruhig flackernd. Du bist das Elixier, das mich auch schwierige Momente nutzen lässt, das meine vermeintliche Machtlosigkeit in Mut verwandelt und das dafür sorgt, dass ich verstehe, was nicht in Worten erklärt werden kann. Mein tiefes Vertrauen in dich und dass alles ist, wie es sein soll, schenkt mir Gelassenheit gegenüber allem, was noch kommen wird und Wertschätzung für alles, was war. Es ist gut, jemandem nahe zu sein, der Zweifel nicht kennt, sie aber versteht, der Enttäuschung oder Wut unbeeindruckt hinnimmt und ohne Ausnahme nur das wichtigste von mir verlangt: dieses Leben zu leben.
Mit diesem Liebesbrief habe ich für einmal Dich überrascht - so hoffe ich doch! Und damit es auch wirklich schön stilecht ist, möchte ich Dich beschenken. Eine Rose oder ein Blumenstrauss wäre die erste Wahl unter Liebenden. Doch ich habe ein durch und durch menschliches Geschenk für Dich, ein Gedicht, das ich über und für Dich geschrieben habe:
Wenn das Leben es gut meint,
glücklich sein.
Wenn der Träume beraubt,
zufrieden sein.
Wenn der Verlust so sehr schmerzt,
dankbar sein.
Wenn Neid aufsteigt,
sich selber erkennen.
Wenn Wut überwältigt,
annehmen und lauschen.
Wenn Liebe erfüllt,
lachen und tanzen.
Kontrolle ist menschlich, Vertrauen führt tiefer:
Eintauchen ins Leben.
Danke für das Geschenk der Lebendigkeit und für alle Geheimnisse, die Du mir schon offenbart hast.
In tiefer Verbundenheit,
Yvonne
Ich werde die Welt retten
Erfundenes, Erlebtes, Erfahrenes – einfach eine Geschichte
Yvonne Obrecht – 12. Juli 2025
Ich habe es vergessen. Ja genau, ich erinnere mich daran, dass ich es vergessen habe. Aber ich hatte eine Vision. Die Welt wird durch die westliche Frau gerettet werden, sagte der Dalai Lama[1]. Ich weiss, ich bin diese Frau. Das Problem ist nur, ich weiss nicht mehr, wie ich diese Welt retten kann, denn ich habe es vergessen. Ich bin durchschnittlich, verfüge über keine aussergewöhnlichen Kräfte oder Möglichkeiten wie Geld oder Einfluss. Aber ich bin eine westliche Frau und in mir lebt und verstärkt sich das Gefühl, dass ich die Welt retten werde. Aber beginnen wir von vorne, denn vielleicht liegt ja da der Schlüssel zu meiner Erinnerung:
«Ich habe Gott durchschaut.
Er mich auch.
Jetzt schauen wir beide nicht mehr hin.»
"Was ist denn das für eine Botschaft?", blitzt es in meinem Geist auf, obwohl ich in tiefster Meditation weile. Es kommt mir vor, als sässe ich wieder im Schulzimmer, jedoch ganz alleine. Diese Botschaft steht, klar und deutlich mit Kreide geschrieben, vorne auf der schwarzen Wandtafel. Ich spüre, wie es mich zu diesem Text hinzieht. Ich bin fasziniert, denn ich weiss sehr genau, dass ich in tiefer Meditation bin, ich nehme meinen entspannten, warmen Körper wahr, die geschlossenen Augen, meine Atmung und doch sehe und lese ich diesen Text. Ich höre eine innere Stimme, nein es ist mehr ein Gefühl, das mir rät, nichts zu hinterfragen, nur hinzuschauen. Ich lasse mich ein auf dieses Gefühl und spüre eine tiefe Freude in mir aufsteigen, während ich auf diesen Text schaue. Es ist ein Geheimnis und es ist ein Geschenk. Mehr muss ich im Moment nicht wissen, denn wollte ich es ergründen, würde mein tiefer meditativer Zustand nicht anhalten und der Text würde sich auflösen. So bleibe ich in meiner Versunkenheit und geniesse, was sich mir zeigt. Ich spüre eine leichte Gänsehaut, die sich von meinen Unterarmen über die Schultern und meinen Rücken hinab ausbreitet und in einem Schauder endet. Ich gehe diesem intensiven Gefühl auf der Haut nach. Da ertönt der langsam zunehmende Ton der Klangschale und der Text entschwindet. Ich bleibe weiterhin ruhig in meiner stehenden Meditationshaltung, die Augen geschlossen. Ich will noch etwas verweilen, den Nachhall geniessen, mich von dem Geheimnis, auf das ich eben einen Blick werfen durfte, weiter umhüllen lassen. Die Stimme des Meditationslehrers dringt zu mir. Ganz zurückkommen. Morgenessen. Ich höre diese Wortfetzen und kann doch die Augen kaum öffnen. Ich hebe die Hände und streiche mir übers Gesicht. Dann endlich kann ich die Augen öffnen und schaue in die Ferne. Erst als mich jemand am Arm berührt, kann ich den Blick fokussieren und schaue in die Augen meines Meditationslehrers. "Du warst weit weg heute", meint er und lächelt. Ich nicke und lächle zurück. Ich habe das Gefühl, dass ich im Moment nicht sprechen kann. Also packe ich meine Sachen zusammen und gehe wie in Trance in den Frühstücksraum, wo mich lautes Stimmengewirr und das Scheppern von Geschirr begrüsst. Dadurch werde ich endgültig aus meinem tranceartigen Zustand herauskatapultiert und fühle mich für einen kurzen Moment verloren inmitten all dieser Menschen und den lauten Geräuschen. Ich atme tief ein und aus und spüre, wie mein Magen knurrt. Genau, denke ich mir, ich muss etwas essen, einen Kaffee trinken und dann zusammen mit dem Essen auch das gerade Erlebte verdauen.
Ich bin unterwegs im Wald. Ich habe es nicht lange ausgehalten im Frühstücksraum, obwohl ich grossen Hunger hatte. Ich habe mich aufs Essen konzentriert und die Gespräche meiner Tischnachbarinnen sind an mir vorbeigezogen wie Wolkenfetzen. Ich ass fast mechanisch, ohne genau zu spüren, was ich da kaute und schluckte, denn mein Körper und mein Geist waren immer noch im Gefühl dieser Meditationserfahrung und meine inneren Augen schauten nach wie vor auf die Tafel mit der Botschaft. Kaum hatte ich mein Frühstück beendet, stand ich auf, murmelte einen Abschiedsgruss und ging auf mein Zimmer. Kleider wechseln, Jacke, Schuhe und jetzt nur raus. Ich renne fast über den Rasen vor dem Retreat-Haus hin zum Wald. Da endlich beruhigt sich alles, ich kann tiefer atmen und nehme auch meine Umgebung wieder wahr, ohne den Kontakt zum Erlebten zu verlieren. Ich rieche den Waldboden, streiche mit der Hand über die Stämme der mächtigen Buchen und höre das Geräusch des trockenen Laubes, das unter meinen Füssen aufwirbelt. So gehe ich eine Weile, ohne zu wissen wohin, ohne zu wissen, wie lange ich schon unterwegs bin. Dann bleibe ich wie angewurzelt stehen. Ich bin dem Waldrand nahegekommen und nur wenige Meter vor mir grast ein Reh auf der Wiese. Ich stehe ganz still und beobachte das schöne, kräftige Tier. Es hebt den Kopf und schaut um sich, schnuppert. Gut stehe ich gegen den Wind. Es schaut zu mir herüber, sieht mich aber nicht wirklich. Ich verhalte mich ganz ruhig und geniesse es, dieses scheue Tier so nah zu sehen und frage mich, wie viele Geschenke es denn heute noch gibt. Während ich das Reh beobachte, steigt in mir die Frage auf, welche Botschaft sich mir mit dem Text auf der Tafel offenbaren wollte. Was soll ich damit anfangen? Ich glaube nicht an Gott, Religion war für mich ein Fach in der Schule. Warum also kommt ein solcher Text zu mir? Wer schickte ihn? Hat mein von Endorphinen[2] und Serotonin[3] überschüttetes Gehirn das erfunden. Nein, ich schüttle dezidiert den Kopf und erschrecke genauso wie das Reh, das mich aufgrund dieser Bewegung sieht und umgehend die Flucht in den Wald ergreift. Mein Herz schlägt heftig und beruhigt sich nur langsam. Genauso geht es wohl auch dem Reh. Dass ich für einen kurzen, intensiven Moment mit dem wilden Herzschlag des Rehs verbunden war, lässt mich wieder erschaudern wie in der Morgenmeditation. Noch ganz verzaubert gehe ich die paar Schritte bis zum Waldrand und setze mich, den Rücken an den Stamm einer grossen Buche gelehnt. Die Frühlingssonne scheint mir ins Gesicht und ich geniesse die Wärme. Dann begebe ich mich wieder in das Gefühl während der Meditation. Wenn ich meditiere, bin ich ganz auf Empfang eingestellt. Es gibt nichts, das tun oder eingreifen will. Also kann ich das nicht erfunden haben. Es war, nein es ist eine Botschaft. Und während ich das denke, stellt sich dieselbe Ergriffenheit ein wie im Moment, als ich den Text lesen konnte. Es ist nicht nur ein Geheimnis oder ein Geschenk. Es ist eine Aufforderung! Keine Ahnung woher dieser Gedanke plötzlich kommt. Aber er fühlt sich richtig an. Ja, es ist eine Aufforderung. Aber eine Aufforderung wozu? Etwas zu durchschauen? Selbst durchschaut zu werden? Nicht mehr hinzuschauen oder woanders hinzuschauen? Fast wie ein Koan, blitzt es in mir auf. Das bedeutet, ich muss den Text umkreisen, ihn setzen lassen und wieder von neuem betrachten, erkunden, hinterfragen, darüber meditieren. Und irgendwann wird sich das Geheimnis dahinter vielleicht offenbaren. Ich höre ein Geräusch und sehe weiter unten am Hang zwei Rehe aus dem Wald kommen. Erst zögerlich, dann immer schneller werdend, ziehen sie im gestreckten Galopp über die Wiese, um im nächsten Waldstück Zuflucht zu finden. Was für ein Geschenk, heute gleich zwei Mal wilde Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachten zu dürfen. Liegt darin vielleicht die Botschaft? Alles was sich zeigt, bewusster wahrzunehmen und dadurch zu sehen, was meist verborgen ist. Wie die scheuen Rehe, die den Kontakt mit Menschen möglichst meiden. Bei welchen Gelegenheiten zeigt sich mir, was meist verborgen ist? Wenn ich ganz präsent bin wie beim Wandern, beim Schreiben oder in einem Moment wie jetzt gerade. Angelehnt an den Stamm der mächtigen Buche fühle ich mich wohl und sicher, der Alltag ist weit weg, ich bin ganz hier und geniesse es. Was sich jetzt zeigt, bin ich selbst und dabei habe ich das Gefühl, dass ich alles habe, was ich brauche. Ich gebe zu, ich brauche meine Ruhe und das Alleinsein als Gegenpol zu meinem Berufsalltag. Es ist einerseits ein starkes Bedürfnis und andererseits wohl eine Flucht, denn im Alltag sind meine Gedanken und Ideen immer irgendwie verknüpft mit Bedürfnissen und Ansprüchen anderer. Durch meine Arbeit bin ich in der Lage, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn es klappt, ist das ein tolles Gefühl und das Geleistete ist Teil von mir. Oft ufern die Ansprüche aber auch aus und der ursprünglich gute Gedanke und die motivierende Idee werden so verzerrt, dass es sich nicht mehr anfühlt, als wäre ich Teil des Prozesses. Dann habe ich längst gewechselt in den professionellen Modus, wie ich ihn nenne. Ich rufe Fachwissen ab, integriere die neuen Wünsche der Kunden immer wieder ins Erarbeitete, bis sie zufrieden sind. Irgendwann unterwegs bin ich müde geworden, die Arbeit schenkt kaum mehr Energie und doch muss sie gemacht werden. Im professionellen Modus bringe ich sie auch zu Ende, aber sie hat mich weit mehr meiner Energie gekostet, als die Freude am Ergebnis und das Honorar zusammen decken können. Warum ich weiter mache? Ich bin nicht nur für mich verantwortlich. Ich habe Mitarbeitende und Familie. Nicht mehr mitmachen, einfach aussteigen, das ist nicht so einfach. Nein, das stimmt nicht ganz, es wäre tatsächlich ganz einfach, indem ich einfach aufhöre. Aber das Aufhören, das hat es in sich. Wenn ich aufhöre, dann hört vieles andere gleichzeitig auch auf, wie zum Beispiel das Einkommen, das für die erbrachten Leistungen bezahlt wird. Wie ersetzt man das – für sich und für die anderen, die auch davon leben? Braucht es mehr Mut, mehr Frust, mehr Überforderung? Ich weiss es nicht. Gibt es denn andere Leistungen, die ich so erbringen kann, dass mich das Leisten selbst auch schon erfüllt und der finanzielle Energieausgleich dafür nur noch die logische Folge ist? Und ist jemand, der sich solche Fragen stellen muss und keine Antworten darauf findet und nicht in der Lage ist, dem zu folgen, was wirklich nährt, schlussendlich jemand, der die Welt retten könnte? Zweifel und Überforderung sind doch keine Grundlagen, um die Welt zu retten. Da gibt es keine Reserven, nichts, woraus ich schöpfen und erst recht nichts, worauf ich bauen könnte. Auf welcher Grundlage also soll ich denn die Welt retten. Wofür kann ich wirklich Verantwortung übernehmen und wovor habe ich Angst. Übernehme ich Verantwortung aus Angst? Angst wovor, Verantwortung wofür? Und wie rettet man die Welt überhaupt. Verdammt, ich erinnere mich nicht. Ich weiss, ich wusste es und das war…, ja wann war das denn? Wann genau wusste ich es denn?
Etwas in mir weiss mehr als ich in meinem normalen Wachzustand zu wissen glaube. Und es ist bereit, dieses Wissen mit mir zu teilen. Diese Erkenntnis hatte ich schon als Kind. Ob es daran lag, dass ich schon immer das Gefühl hatte, ich sei nicht allein. Allein fühlte ich mich bis ins junge Erwachsenenalter immer nur in Gesellschaft von anderen Menschen. Nein, nicht immer, aber öfter als mir lieb war. Damals dachte ich, dass mit mir etwas nicht stimmt. Umso mehr überraschte mich jeweils die Erkenntnis, dass ich mich nie alleine fühlte, wenn ich allein mit mir war. Da konnte ich den Raum in mir und um mich herum viel besser spüren Von diesem Raum aus kommt die Intuition, die Inspiration und oft auch Wissen, das ich vorher nicht hatte. Ich weiss, es gibt dafür Beschreibungen und Bezeichnungen, die von klugen Menschen formuliert worden sind, die diese Erfahrungen ebenfalls gemacht haben. Ich brauche keine Beschreibung oder Erklärung, was das sein könnte und warum es so ist. Ich will diesen Raum einfach erleben und mich auf alles einlassen, was da ist, was in mir ist und mich ausmacht. Und auf alles was auch noch aus mir und durch mich spricht und sich mit mir und der Welt verbindet. Darin kann ich eintauchen, darin aufgehen, mehr werden, ganz werden. Dann weiss ich alles, kann ich alles und bin ich alles. Und genau dort wusste ich es, genau dann weiss ich es. Ich weiss, ich kann die Welt retten, wenn ich in diesem Zustand bin, denn dann bin ich die Welt.
Jede und jeder von uns kann die Welt retten. Vielleicht nicht die ganze auf einmal. Aber deshalb sind wir ja viele. Und wenn jede und jeder seinen Teil dazu beiträgt, dann retten wir nicht nur die Welt, sondern auch uns selber. Es gibt Menschen, die benötigen aufgrund bestimmter Umstände Unterstützung, Beistand oder besonderen Schutz. Und es gibt als Gegenstück Menschen, die in der Lage sind, diese Unterstützung zu bieten und einen Teil ihrer Kraft zu verschenken. Nicht um Menschen zu führen, sondern um den Weg sichtbar zu machen, damit ihn andere gehen können. Eine unschätzbare Kraft, ohne Erwartung zur Verfügung gestellt, dient sie uns allen. Meiner Meinung nach die höchste Form der Liebe, die höchstmögliche Form des Menschseins. Und genau dafür sind wir hier, um zu geben, um zu empfangen, Stärke und Schwäche zu erfahren, grösstes Glück und tiefsten Schmerz zu erleben. Und diese Erfahrungen ermöglichen uns zu werden, wer wir wirklich sind. Im ganzen Prozess des Werdens und Entwickelns haben wir immer die Wahl, unser Licht leuchten zu lassen oder in die Dunkelheit abzutauchen. Genau dieser freie Wille ist es, der es uns einerseits leicht macht, die Welt zu retten und der in uns andererseits so viele Hindernisse heraufbeschwören kann.
Ich weiss, es gibt einen Raum, da bin ich in einem Zustand, in dem ich die Welt retten kann. Denn in diesem Raum, da bin ich die Welt.
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[1] "The world will be saved by the western woman." HH 14. Dalai Lama – Tendzin Gyatsho - https://de.spiritualwiki.org/Wiki/DalaiLama#toc3
[2] Endorphine beeinflussen u.a. das Schmerzempfinden. https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/endorphine/3480
[3] Serotonin ist ein wichtiger Neurotransmitter der u.a. Körpertemperatur, Appetit, Emotionen, Antrieb, Schlaf-Wach-Rhythmus und Schmerzwahrnehmung beeinflussen kann. Er vermittelt Gelassenheit, innere Ruhe, Zufriedenheit. Im Volksmund wird Serotonin auch « Glückshormon » genannt. https://de.wikipedia.org/wiki/Serotonin
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Dem Ruf folgen
Tu das, was du wirklich willst, auch wenn am Ende nur du es weisst, siehst oder liest. Denn dem Ruf zu folgen, ist das Wichtigste überhaupt. Dadurch wird dein und mein Tun unvergleichbar, ja einzigartig im wahrsten Sinne des Wortes. Ob wir gut in dem sind, was wir tun, verliert an Bedeutung, denn als Vergleich haben wir nur uns selbst.
Was ich immer alles will und dann tausend andere Dinge tu. Ich hätte Lust ganz viel zu schreiben, doch ich werde abgehalten – von mir selbst und von Cappuccino, von Instagram, von einem spannenden Bericht über unsere Vernetzung mit der Natur, vom Ausblick aus meinem Fenster, direkt vor meinem Schreibtisch, von der Birke, die vor meinem Fenster steht und ihre Blätter im Wind schaukeln lässt. Und es scheint, als hätten alle mehr Zeit und Musse, sich einzulassen, als ich. So wie die Katze, die auf dem kleinen Balkon des blauen Gartenhäuschens sitzt - das früher mal Spielplatz für meine Kinder war – sie putzt sich gemütlich, ringelt sich wieder ein und schläft, wie schon den halben Vormittag. Es kommt mir vor wie das Sonnensegel, das auf dem Balkon vor meinem Fenster hängt und mir die Hälfte der Aussicht versperrt. Versperre ich mir vielleicht selbst den Zugang zum Schreiben, zu dem, was ich eigentlich will? Und warum? Nur weil ich immer wieder daran zweifle, dass ich das kann. Spüre ich genau dorthin, zu diesem Zweifel, überkommt mich Traurigkeit. Ich bin nicht gut genug. Das interessiert niemanden…
Nicht gut genug im Vergleich wozu, zu wem? Ist doch wirklich egal, denn ich habe den Drang zu schreiben und ich tue es für mich. Schreibe, male, tanze, dekoriere oder tu das, was du wirklich willst, auch wenn am Ende nur du es weisst, siehst oder liest. Denn dem Ruf zu folgen, ist das Wichtigste überhaupt. Dadurch wird dein und mein Tun unvergleichbar, ja einzigartig im wahrsten Sinne des Wortes. Ob wir gut in dem sind, was wir tun, verliert an Bedeutung, denn als Vergleich haben wir nur uns selbst.
Dass ich den Mut aufbringe, meinem Ruf ohne Einschränkung zu folgen, ist mein Geschenk an mich. Und wenn meine Worte und Gedanken andere Menschen berühren oder sie an ihren eigenen Mut, ihren eigenen Ruf erinnern, werden sie auch für andere zum Geschenk.
Yvonne Obrecht, 8. August 2025
Es geht nicht um Widerstand,
es geht um Veränderung
Kann es sein, dass man nach 60 eine stärkere Unabhängigkeitsbewegung in sich fühlt? Dass man dann, ähnlich wie in den Jugendjahren, das ganz starke Gefühl bekommt, man möchte nicht (mehr) mitmachen bei dem, was alle anderen wie selbstverständlich tun. Dass man mehr über seine Zeit bestimmen will, dass man sagen will, was man denkt, statt auf alles und jede/n Rücksicht zu nehmen, ausser auf sich selbst.
Ich spreche nicht über Unhöflichkeit oder Beleidigungen, ich spreche von der Wahrheit. Ich spreche auch nicht davon, dass man ständig alles sagen muss, was man denkt. Ich spreche davon, dass das, was nach aussen drängt, auch ausgesprochen sein darf. Manchmal muss es sogar ausgesprochen werden, damit endlich etwas gehört wird, was so gerne ignoriert werden will. Egal welche Konsequenzen das Aussprechen hat, ist es manchmal besser, es zu tun. Denn wenn ich etwas zurückhalte, das ausgesprochen werden muss, wird es sich gegen mich richten und gleichzeitig gegen alle anderen, die es hätten hören müssen – egal ob sie es hören oder verhindern wollten.
Es geht nicht darum, Parolen zu rufen und zu erwarten, dass andere mitrufen. Das fühlt sich vielleicht an wie ein Erfolg, doch es ist oft nur eine Momentaufnahme, denn was ändert sich, wenn die Rufe verstummt sind? Es geht nicht um Widerstand, es geht um Veränderung. Deshalb geht es mir darum, Dinge zu hinterfragen. Denn wirklich gehört wird man nur, wenn man bei dem, was ausgesprochen wird, den Raum lassen kann, in dem jede und jeder selber darüber nachdenken und eine persönliche Entscheidung treffen kann. Dabei liegt der Erfolg nicht in dieser Entscheidung, sondern darin, dass jemand über etwas Ausgesprochenes nachgedacht hat. Alles was danach kommt, gehört in den Bereich des Vertrauens. Das Vertrauen, dass die Menschen im Grunde gut sind und genau wissen, was jetzt zu tun oder zu sagen wäre. Dass sie es nicht immer tun, kann viele Gründe haben, deren Ursprung ich nicht kenne. Ich darf das bedauern, aber ich möchte es nicht verurteilen. Mit Schuldzuweisungen sind wir ja heutzutage so (vor-)schnell bereit, ein Handeln oder Nicht-Handeln zu verurteilen, ohne uns auch nur eine Sekunde zu überlegen, ob die Betroffenen aus ihrer Sicht vielleicht gute Gründe dafür hatten.
Egal ob Menschen sich engagieren, ärgern, ungerecht behandelt fühlen oder etwas ändern möchten, es sollte bei Äusserungen immer genug Raum bleiben, in dem wir uns alle unsere eigenen Gedanken machen können, abwägen, hinterfragen und dann entscheiden, ob und was wir sagen oder tun. Ich will mich nicht einer Meinung anschliessen, ich will mir meine Meinung selbst bilden und mich immer wieder mit anderen Ideen und Meinungen auseinandersetzen. Ich wünsche mir, dass ich immer in diesem Prozess des Hinschauens und Hinterfragens bleiben oder dahin zurückfinden kann. Und ich wünsche mir, dass wir alle genug Mut und Offenheit haben, andere Meinungen anzuhören und zu überdenken. Sorgen machen müssen wir uns dann, wenn dieser Raum der persönlichen Meinungsbildung bewusst und geplant geschlossen wird. Das mag der Moment sein, in dem wir gemeinsam laut werden, Parolen rufen, jedoch nur, um dazwischen wieder viel Raum zu schaffen, damit wir alle die Gelegenheit haben, selber nachzudenken und uns auf dieser Grundlage wieder gegenseitig Vertrauen zu schenken.
Yvonne Obrecht, 22. Januar 2024
Die Schönheit der Trauer
Vor vier Jahren feierten wir die erste Weihnacht und den ersten Jahreswechsel ohne meinen Vater. Damals herrschte das dumpfe Gefühl der Trauer vor, begleitet von dem Wunsch, weiterzumachen und dem Leben neu entgegen zu gehen. Heute ist es die leise Traurigkeit, die mich gerade in den kühlen, dunklen Wintermonaten begleitet. Es ist ein viel leichteres Gefühl, das ein schmerzliches Vermissen in sich trägt und gleichzeitig eine Leichtigkeit, die dem Leben zugewandt ist. Im alltäglichen Handeln tritt dieses Traurigkeitsgefühl in den Hintergrund, aber in bestimmten Situationen ist es plötzlich ganz präsent. Dann weiss ich, es geht darum, ganz bewusst im Moment zu sein, wahrzunehmen und nicht darüber hinweg zu gehen.
Wenn ich müde bin und am liebsten Pause machen oder mich hinlegen möchte, aber nicht kann, weil die Situation es nicht erlaubt, dann taucht sie oft auf, die Traurigkeit und ich lasse mich hineinfallen wie in eine schützende Blase – nur einen Moment, um darin auszuruhen. Ich weiss, das tönt unlogisch und doch hat es stärkende Wirkung, denn die Traurigkeit ist nur ein Mantel, in den ich kurz schlüpfe und mir seine Wärme zu eigen mache. Beim Ausziehen bleibt die Wärme bei mir und stärkt mich, weil sie enthält, was ich geschenkt bekam und jetzt schmerzlich vermisse. Darin liegt ein wunderbarer Zauber, der den Tod überdauert. Er wird auch meinen Tod überdauern.
Yvonne Obrecht, 30.12.2023
Der Schnee kann so viel, wenn man ihn lässt. Er ist wie Watte und packt ein, was Lärm macht und ablenkt. Dahinter erscheint die Stille, die meine Ohren umschmeichelt. Hört man seit Monaten wieder das erste Mal in eine Schneelandschaft hinein, dann glaubt man erst, es sei etwas nicht in Ordnung. Und man hört hin, und hin, und hin und hört... nichts. Doch dieses Nichts ist nicht leer, denn es ist Stille. Und Stille beinhaltet das in sich ruhende Sein dieser Welt. Ein Klang, der nur hört, wer noch lauschen kann. Da sind Herz und Ohr, Auge und Haut beteiligt. Ist man das nicht mehr gewohnt, übergeht man es leicht, erkennt die verzauberte Winterlandschaft und kann sie doch nicht in aller Fülle erfahren. Doch man kann es wieder lernen, zu hören, was nicht sichtbar ist, zu sehen, was fühlbar ist und zu spüren, was dem Herz so viel Leichtigkeit bringt. Das wahre Sein in dieser Welt beginnt in der Stille, die wir Menschen so achtlos übergehen, ihren Wert nicht schätzen.
In klarer, dunkler Winternacht leuchten die Sterne heller als sonst im Jahreskreis. Sie strahlen, bereit in unsere Herzen zu scheinen und warten auf unseren Blick, der sich nach oben richtet ans Firmament. Mitten in der Stille, die uns dann umgibt, wird alles leicht und klar und wir erfahren, was es bedeutet, in sich und in dieser Welt zu sein. Wir können leben, ohne diese Stille, aber wirklich sein können wir nur durch sie.
Yvonne Obrecht
11. Dezember 2021
Miteinander
Ich will, dass die Legislative das tut, wofür ich sie gewählt habe, statt dass sie ihre persönlichen Machtansprüche in den Vordergrund stellt oder sich in der Menge duckt statt mutig hinzustehen. Ich will nicht, dass eine Exekutive, die dienen soll, plötzlich die Macht übernimmt und sogar unsere Grundrechte ignoriert. Und ich wünsche mir, dass die jungen Menschen, die jetzt gerade auf die harte Tour lernen müssen, dass es Situationen gibt, in denen man seine Rechte einfordern muss, statt einfach ein Zertifikat zu lösen, weiterzumachen und zu hoffen, es gehe vorbei, den Mut haben, sich aus dieser Erfahrung heraus verstärkt politisch zu engagieren. Es ist Zeit, anders zu denken und anders zu handeln. Es ist Zeit, auch das Regieren zu ändern.
Ich wünsche mir Menschen, die Entscheidungen treffen, die aber ihre Meinung auch ändern können, wenn es nötig ist und die dazu stehen. Menschen, die uns in Krisen die Wahrheit nicht verschweigen und in der Lage sind, so zu kommunizieren, dass sie verstanden werden - Männer und Frauen, die den Dialog dem Reden vorziehen. Die nicht ausweichen, die sich stellen, die mitten in ihrer Standhaftigkeit Weichheit und Verständnis leben können. Wir sollten streiten, aber nicht, um uns voneinander zu entfernen, sondern um einander besser zu verstehen. Wir sollten nicht zulassen, dass die Fronten sich verhärten, weil Dritte, die nur vom Hörensagen oder zitiert aus behördlichen Communiqués über uns schrieben. Wir sollten sicherstellen, dass wir voneinander wissen, wie wir denken und warum wir so denken. Wir sollten offen sein, für unsere Ideen und Wünsche und vor allem auch für jene, die nicht unsere sind. Wir sollten das Miteinander schützen, auch wenn wir verschiedener Meinung sind und dann vorwärts gehen, jede und jeder auf dem gewählten Lebensweg und immer getragen von diesem Miteinander. Denn das macht es aus - ein Volk - wachsend an der Vielfalt, lebendig im Austausch und immer getragen im Miteinander.
So sollten wir zusammenleben und so sollten wir Krisen meistern.
Yvonne Obrecht
23. Oktober 2021
Das bewusste Geschäftsjahr
Gedanken einer Unternehmerin Ende Juni 2021
Unser Geschäftsjahr beginnt am 1. Juli und endet am 30. Juni. So bewusst wie die vergangenen 12 Monate habe ich in den letzten 33 Jahren unserer Geschäftstätigkeit wohl nur unser Startjahr erlebt. Das Agenturjahr ist üblicherweise geprägt und strukturiert von Kundenprojekten, über die man sich freut und die man mit Elan angeht. Dämpfer gibt es in Form von Aufträgen, die nicht aus der Korrektur- und Überarbeitungsphase herauskommen oder unterwegs plötzlich in den Standby-Modus verabschiedet werden. Und etwas Pfeffer in den Agenturalltag streuen Expressaufträge, die die gesamte Wochenplanung auf den Kopf stellen. Business as usual also.
Ganz anders im seit heute abgeschlossenen Geschäftsjahr. Es war geprägt von halbleeren Büros, fehlenden Spontangesprächen, echogestörten Zoom-Sitzungen und Schwierigkeiten beim Interpretieren der Mimik in der oberen Gesichtshälfte des Gegenübers vor der Kaffeemaschine. Die bis in den Lift desinfektionsgeschwängerte Büroluft vermochte zumindest den monatlichen Formularkrieg zur Entschädigung der Arbeit – die nicht kürzer (woher kommt denn dieser Begriff eigentlich), sondern stetig weniger wurde – etwas zu betäuben.
Wie geht es mir?
Ideen entwickeln, Projekte planen, Inserate-Erscheinungen kontrollieren, Gut zum Druck freigeben, Mitarbeitergespräche führen, Back-up sicherstellen, Zahlungen ausführen, Rechnungen schreiben, Mehrwertsteuerabrechnung erstellen, Zwischenabschluss prüfen, nicht vergessen, zwischendurch Pause zu machen, und auch mal wieder eine Weile am Stehpult arbeiten statt im Sitzen … Wo bleibt da Raum für mich? Viele werden sich jetzt sagen, dass beim Arbeiten der Raum eben zum Arbeiten zu nutzen sei. Raum für sich selbst gebe es ja in der Freizeit. Aber wie war das jetzt in den vergangenen, von Corona geprägten Monaten? Da war plötzlich viel Raum, weil viel weniger Arbeit die Konzentration forderte. Fällt der Konzentrationsvorhang, dann tut sich ein anderer Raum auf, der Raum des Seins, des Bewusst-Seins. Und auf einmal breiten sich ungefragt und ungebeten Fragen und Ideen aus, die nicht nur mit dem Arbeiten in Verbindung stehen. Definiere ich mich über meine Arbeit? Bin ich glücklich mit meinen Aufgaben am Arbeitsplatz? Kann man am Arbeitsplatz überhaupt glücklich und ganz sein, wenn nur das Arbeitstier in mir wach und konzentriert ist? Wie geht es mir eigentlich?
Ich entscheide
Entscheiden sei einfach für mich als Unternehmerin, höre ich oft. Nun, einfach daran ist nur, dass ich es kann, und das liegt in der Natur meiner Position. Liegt es aber auch in meiner ureigenen Natur als Mensch? Entscheidungen als Geschäftsleiterin zu treffen, ist mir in den vergangenen 33 Jahren natürlich in Fleisch und Blut übergegangen. Ich entscheide anhand klarer Fakten und Annahmen, die ich aufgrund meiner Erfahrung treffe. Entscheidungen zu treffen als Mensch, ist gerade in emotionalen Situationen eine ganz andere Sache.
So gebe ich unumwunden zu, dass ich mich als Mensch im März 2020 sehr schwer damit getan habe, eine Kündigung auszusprechen. Es lag keine Leistungsschwäche vor, keine Unzuverlässigkeit, keine Überforderung oder sonst irgendwelche Fakten in Zusammenhang mit der betroffenen Mitarbeiterin, die meinen Entscheid leichter gemacht hätten. Der einzige Fakt war der rasante Einbruch unserer Auftragslage wegen der Coronapandemie und die Gewissheit, dass wir die abgesagten Aufträge später nicht würden nachholen können. Und so blieb mir nur der Entscheid für das Überleben des Unternehmens und damit auch für das Auskommen von sechs Mitarbeitenden. Dieser Entscheid fühlte sich für die Unternehmerin genau richtig an, als Mensch jedoch fühlte ich mich miserabel. Aber ich habe entschieden. Einfach oder nicht.
Dankbarkeit
Die heutige Sicht bestätigt mich darin, dass der Kündigungsentscheid absolut richtig war. In Krisenzeiten gilt es, Kosten zu senken, keine unnötigen Risiken einzugehen und zu hoffen, dass die Reserven und im konkreten Fall der Coronakredit und die Kurzarbeitsentschädigung die Krisenzeit zu überbrücken vermögen. Also habe ich alles richtig gemacht. Warum läuft mir als Mensch denn das ungute Gefühl im Zusammenhang mit dieser Entscheidung so hartnäckig nach? Weil ich als Unternehmerin nicht nur entscheiden kann, sondern in erster Linie muss. Dieses Müssen berührt den Menschen. Was aus meiner Sicht die unangenehmste Seite des Unternehmertums ist, macht mich dennoch dankbar: dass solche Entscheidungen mich als Mensch immer noch berühren, ja eher noch mehr berühren, je älter ich werde. Ich fühle mich verbunden mit meinen Mitarbeitenden. Wir alle sind in erster Linie Menschen und füllen erst an zweiter Stelle Rollen aus als Eltern, Ehepartner/innen, Freunde/innen, Konsumenten/innen oder Angestellte. Deshalb fühle ich von Mensch zu Mensch, auch wenn ich Entscheidungen als Unternehmerin treffen muss.
In erster Linie Mensch
Bei Homeoffice, Abstandsregeln, Masken am Arbeitsplatz und Konfrontation mit unangenehmen Entscheidungen hat der Lebensbereich Arbeit in den letzten Monaten bei Arbeitgebenden wie Arbeitnehmenden Spuren hinterlassen. Spuren, die hoffentlich nicht so schnell verwischen, sondern zum bewussten Gestalten von Zusammenarbeit und Menschsein im Berufsleben führen. Das gilt nicht nur für Unternehmerinnen und Unternehmer gegenüber ihren Mitarbeitenden, sondern genauso auch umgekehrt. Denn auch eine Chefin oder ein Chef ist ein Mensch und erst in zweiter Linie eine Vorgesetzte oder ein Vorgesetzter.
Yvonne Obrecht
www.publix.ch/geschaeftsjahr/
Sich nicht an Vorgaben zu halten, kann gewinnbringend sein
Wie Rotkäppchen zum Grünkäppchen wurde
Wanderschuhe, Rucksack, ein grünes Käppi und eine Kambly-Papiertasche. Was muss das für ein komischer Anblick gewesen sein für jene, die mir heute im Emmental auf meiner Wanderung begegnet sind. Bewusst geworden ist es mir erst angesichts der verwunderten und neugierigen Blicke. Nach dem der Gruss der ersten Begegnung verklungen war, kam mir plötzlich das Bild vom Rotkäppchen, das mit Kuchen und stärkendem Wein zur Grossmutter in den Wald geschickt wird. Wein hatte ich zwar nicht dabei, aber eine ganze Schachtel Guetzli. Dann musste ich unvermittelt laut lachen, weil eine Erinnerung aus der frühen Schulzeit in mir hochkam.
Als ich neun oder zehn Jahre alt war, habe ich am Zeichnungswettbewerb eines Verlags teilgenommen. Die Aufgabe war, die Kontur eines vorgezeichneten Mädchens mit Korb auszumalen. Die drei schönsten Ausmalwerke sollten prämiert werden. Welche Preise es zu gewinnen gab, weiss ich nicht mehr. Ich wollte einfach mitmachen und malte das Bild akribisch genau aus. Als meine Mutter es für mich abschickte, war ich überzeugt, einen der drei Preise zu gewinnen, so viel Mühe hatte ich mir gegeben. Die Wochen zogen ins Land und nichts passierte.
Meine Mutter begann schon, mich zu trösten, aber ich war nach wie vor sicher, dass ich einen Preis gewinnen würde. Nach rund drei Monaten kam tatsächlich ein Päckchen. Meine Mutter war noch aufgeregter als ich. Ich packte aus und fand ein kleines rotes Buch mit dem Titel "Merk-Würdiges von A-Z". Ich begann gleich drin zu blättern und verliebte mich sofort in diese rote, mit Wissen gespickte Fibel. Da gab es wunderbare Abbildungen zu bestaunen und spannende Informationen zu lesen.
An den Silhouetten der Vögel im Flug blieb ich als erstes hängen, dann las ich über das Winkleralphabet und studierte die dazu abgebildeten Flaggen, die zur Kommunikation zwischen Schiffen diente. Ich bekam einen Eindruck über die verschiedenen Windstärken in gezeichneter Form und schliesslich stiess ich auf die Anleitung zur Knotentechnik und begann gleich, mit einem Wollfaden zu üben. Ich fand das alles so unendlich spannend, dass ich gar nicht beachtet hatte, dass noch ein Brief dabei war. Meine Mutter hatte ihn entdeckt und las. Dann lachte sie und gab ihn mir. Der Absender gratulierte mir zum sorgfältig ausgemalten Sujet und zum Trostpreis.
Warum ein Trostpreis, dachte ich mir. Im letzten Absatz des Briefes wurde klar, warum es nur der Trostpreis war. Ich hatte das Käppchen des Mädchens grün ausgemalt. Der Verlag interpretierte das als künstlerische Freiheit, die belohnt werden musste. Mir war jedoch gar nicht klar gewesen, dass es sich bei der vorgegebenen Figur um Rotkäppchen handelte. Ich war so glücklich über das spannende Büchlein, das ich gewonnen hatte, und war sicher, dass der Trostpreis bestimmt noch besser war, als der erste Preis.
Und so schliesst sich ein Kreis der Erinnerung an Rotkäppchen heute - 50 Jahre später - in einem Emmentaler Wald, wo Grünkäppchen mit einer Geschenkbox Guetzli unterwegs zu einem abgelegenen Bauernhaus ist, um sich für einen erwiesenen Dienst zu bedanken.
Emmental im Juli 2021
Der kleinste gemeinsame Nenner
Was erlebt man, wenn man unerwartet in eine schwierige Situation gerät? Man lernt die Menschen kennen, wie sie wirklich sind. Seit das Coronavirus bei uns aufgetaucht ist, lerne ich viel über mich und darüber, wie unterschiedlich Menschen denken und handeln. Was für ein Reichtum an Erfahrungen, Gefühlen und Ausdruck. Wer nur die Worte liest und hört, die reklamieren, loben, belehren, aufmuntern, jammern oder angreifen, der sollte etwas mehr auf Abstand gehen, eine andere Perspektive einnehmen. Dann wird es sichtbar, das Geschenk, das uns Menschen zu Teil wird. Wir haben einen enorm leistungsfähigen Verstand, wir können bewusst wahrnehmen, was wir sagen oder tun und wir können die Dinge dadurch leichter oder schwieriger machen. Wir können uns entscheiden, gegenüber Situationen und Menschen offen und neugierig zu bleiben oder Urteile zu fällen und uns abzuwenden. Was für eine Freiheit. Was für eine Verantwortung.
Am 14. März 2020 habe ich diesen Text spontan auf Instagram und Facebook gepostet:
Ich hatte heute beim Einkaufen so viele interessante Gespräche wie noch selten. Da wird man von fremden Menschen angesprochen, die sich Sorgen machen oder die alles übertrieben finden. Das ist doch ein wunderbarer Nebeneffekt inmitten einer schwierigen Situation, dass die Menschen wieder mehr miteinander reden. Schon fast magisch, dass diese Annäherung genau dann geschieht, wenn wir auf Abstand gehen sollen.
Auf Abstand gehen, das ist auch ein guter Rat, wenn es um unser Gedankenkarussell geht. In vielen Köpfen lenkt das pausenlose Geplapper ab von dem, was wirklich wichtig ist: wir selbst. Wie geht es mir, was ist mir wichtig, was für ein Mensch will ich sein?
Diese und andere wesentliche Fragen finden oft nicht mehr den Weg in unser Bewusstsein.
Die Ankunft von Corona hat dieses Geplapper kurzfristig unterbrochen. Etwas Neues, etwas Unerwartetes forderte unsere Aufmerksamkeit, und mitten in unserer Ratlosigkeit wurde es für eine kurze Zeit ruhig. In der Meditationspraxis nennt man das die Lücke zwischen zwei Gedanken. Wer den Weg dorthin findet, kann sich ganz tief versenken.
Mitten in einer Pandemie tönt das vielleicht paradox, aber ich persönlich finde es sehr beruhigend, dass wir nicht Macht über alles haben. Das nährt meine Zuversicht, dass die Lektionen, die das Leben uns erteilt, genug Menschen die Augen öffnen und den Blick frei gibt auf das, was wirklich zählt: das Miteinander, der Austausch, gegenseitiger Respekt und Wertschätzung, die unermüdliche Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Denn egal wie unterschiedlich unsere Ansichten und Meinungen oder unsere Art zu leben sind, im kleinsten gemeinsamen Nenner sind alle gleich: wir sind Menschen.
Yvonne Obrecht
(Text zum Thema "Positive Erfahrungen in der Coronazeit?"
Erschienen im „Rundum“, Begleitheft zur Ausstellung in der Gewölbegalerie Biel 11.6.-10.7.2021: Gianni Vasari, Bilder und Skulpturen und Vero Kallen, Objekte)
Eine Fülle, die unsichtbar ist
Am Samstag ist mein Vater gestorben. Heute ist Freitag, fast eine Woche später, und ich sitze in einem Restaurant in Zürich und warte darauf, dass die Zeit vergeht. Ich gehe mit einem Bekannten in die Oper. Gezeigt wird Giuseppe Verdis Requiem als Ballett. Wir haben diesen Termin vor einigen Monaten abgemacht. Damals wusste ich nicht, dass mein Vater zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr da sein würde. Ich befürchtete es, ja, denn er war schon lange krank, mehr als drei Jahre. Bauchspeicheldrüsenkrebs, hiess es, als man endlich herausgefunden hatte, was ihm denn fehlt. Es fehlte ihm also eigentlich nichts, sondern er hatte etwas mehr, das da nicht hingehört: Krebs. Eine häufige Diagnose, die man von anderen hört. Verwandte sind auch schon daran gestorben. Es ist noch gar nicht lange her. Diese Diagnose dann im engsten Familienkreis zu erhalten, macht sie nicht greifbarer. Erst der Weg durch die Krankheit, die Behandlungen und schlussendlich das Sterben lässt sie real, ja sogar lebendig werden, während der Körper des geliebten Menschen mehr und mehr zerfällt und schlussendlich vergeht.
Was hat es nur auf sich mit dieser Krankheit Krebs? Ist sie eine Metapher für unser aktuelles Leben, unseren Umgang mit der Erde, unserer Heimat? Nein, ich empfinde Krebs nicht als Strafe für unseren Lebenswandel, ich empfinde ihn mehr als die Verkörperung unseres Schattens. Er kommt ungefragt, nimmt masslos, kennt keine Grenzen und nimmt in Kauf, sich durch seine Masslosigkeit der eigenen Lebensgrundlage zu berauben. Das hat doch gewisse Ähnlichkeit mit unserem aktuellen Verhalten. Sogar die Auswahl, die er trifft, entspricht unserem heutigen Zusammenleben. Wahllos nistet er sich ein, wo es ihm gerade passt. Er kennt weder Gnade noch Gerechtigkeit. Gesund leben, Sorge tragen zur Umwelt, Respekt haben vor der Natur und vor dem Leben, das alles ist keine Versicherung gegen Krebs. Oft finden wir genau das ungerecht.
Aber verhalten wir uns nicht genauso wie der Krebs? Gedankenlos konsumieren, über unsere Verhältnisse leben, mehr Raum einnehmen als uns zusteht, unser Wohlergehen über das von andern oder der Natur stellen - das alles wird heute beklagt, aber eben auch gelebt. Das sind die Schattenseiten unseres heutigen Daseins in einem Raum, den sich immer mehr Menschen teilen, die gleichzeitig ihre Lebens- und Sinnerfüllung darin suchen, immer mehr zu haben, statt mehr zu sein.
Haben beinhaltet ein reales, sichtbares Mehr an was auch immer. Sein ist nur ein Gefühl, ein Empfinden, ein Spüren zu sich hin, ein Wahrnehmen dessen, was ist. Und aus dieser Wahrnehmung heraus ist ein Gefühl der Fülle ebenfalls möglich. Doch eine Fülle, die unsichtbar ist, was kann die wert sein? Nach heutigen Massstäben stellt sich diese Frage des Werts und darum ist es einfacher, sich ans Haben zu halten.
Aber eine innere Fülle, die gelebt wird, ist so viel mehr als alles Haben, weil durch sie der Raum, der jeder und jedem von uns zusteht, plötzlich endlos weit wird. Im Haben ist der Raum begrenzt, im Sein ist unendlich mehr Platz und da ist auf einmal auch Platz für Demut. Demut nicht im religiösen Sinn von unterwürfig sein oder sich seiner schwachen Position bewusst sein, sondern Demut als der Mut zum Dienen. Wer den Mut hat, sich selbst zu dienen, hat auch den Mut, sich selbst zu genügen, mit allen Licht- und Schattenseiten. Unser ganzes Menschenleben ist durchzogen von Stärke und Schwäche, von Anziehung und Abstossung, von Liebe und Hass. Wir kennen diese Gegensätze nur zu gut und am besten kennen wir sie aus unserer Gefühlswelt. Diese Erfahrung sollte es uns leicht machen, unsere Schatten genauso zu integrieren, wie unsere hellen, freundlichen Seiten. Trotzdem lassen wir die Schattenseiten nur zu gerne im Dunkeln und sogar das Licht, das in uns scheint, dimmen wir lieber, als es zu leben. Mitten in diesem
Versteckspiel zeigt sich der Krebs und provoziert uns, unseren Umgang mit unseren Schatten- und Lichtseiten zu überprüfen. Er konfrontiert uns nicht nur mit unserer Todesangst, sondern mit etwas noch Tieferem, Ursprünglicherem. Er zwingt uns, hinzuschauen und zu fragen, wer wir wirklich sind. Er zwingt nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Umfeld. Wie viel Macht hat der Krebs über uns oder anders gefragt, wie viel Macht bleibt uns, wenn wir oder unsere Nächsten an Krebs erkranken? Krebs nimmt viel Raum ein und begrenzt uns, doch er öffnet auch eine Tür. Diese Tür bietet die Gelegenheit, das Versteckspiel zu unterbrechen und hinzuschauen. Die Krankheit nimmt uns den Entscheid nicht ab, ob wir hinschauen wollen oder nicht, das bleibt uns überlassen. Und das ist der Teil der Macht, der immer bei uns selbst bleibt: die Freiheit, zu entscheiden. Diese Freiheit ist ein Geschenk, das das Leben uns macht. Wir sind frei, uns selbst zu entdecken und anzunehmen, was sich zeigt oder uns so gut wie möglich zu verstecken, während wir im Aussen suchen.
Für mich liegen die Tiefe und das Wunder des Lebens im Sein, das Haben ist nur Zugabe. Das war bisher nur ein Gefühl, dem ich gefolgt bin. Hautnah erfahren habe ich es nun von der Seite des Lebens, die als Schattenseite bezeichnet wird: vom Tod. Ich bin dankbar für diese Erfahrung und ebenso dankbar, dass ich die Freiheit habe zu entscheiden, wie sich diese auf mein weiteres Leben auswirken soll.
Yvonne Obrecht
29.11.2019
Schlagabtausch mit der Liebe
26.10.2014
Wir hatten bereits Begegnungen. Ich habe nichts davon vergessen. Wie sieht es bei Dir aus? Kannst Du Dich erinnern? Du weisst schon: Überwältigende Gefühle, achterbahnfahrende Hormone, schweben auf Wolken, Berührung in tiefster Seele. Kommt Dir das bekannt vor? Und was ist mit schmerzhaften Enttäuschungen, Tränen der Verzweiflung, Herzschmerz, kaum auszuhalten? Ignorierst Du das oder lassen Dich die üblichen Nebenwirkungen Deiner sogenannten Himmelsmacht einfach kalt? Vielleicht gehört das ja einfach nicht zu Deinem Ressort. Was willst Du Dich denn auch mit solch menschlichen Schwächen abgeben, viel mehr reizt es Dich sicher, die nächste Liebesfalle aufzustellen. Sag mir, wie fühlt es sich an, über diese Macht zu verfügen? Was löst es bei Dir aus, wenn Du siehst, wie Menschen sich gegenseitig verfallen?
Da wir uns jetzt schon mal persönlich begegnen, finde ich es nur recht und billig, wenn Du mir ein paar Fragen beantwortest. Du willst nicht? Dann habe ich einen anderen Vorschlag. Ich beantworte meine Fragen an Dich selbst und Du kannst nicken, falls Du einverstanden bist. Wenn keine Reaktion von Dir kommt, nehme ich an, ich habe Recht, Du willst es aber nicht offiziell bestätigen und wenn ich ganz falsch liege, dann schüttelst Du deutlich den Kopf. Alles verstanden? Los geht’s:
Sicher erinnerst Du Dich noch, dass Du mich vor 36 Jahren in die Arme eines jungen Adonis getrieben hast? Ach, was war ich verliebt. Er war nicht nur schön, klug war er auch. Was will man mehr. Doch dann, nach sage und schreibe sechs Wochen war ich passé. Er hatte er sich schon in eine andere verliebt. Warum? Ja, genau das wollte ich von ihm wissen. Und weisst du, was er mir sagte? Er meinte, die Liebe sei für ihn wie ein Fass mit Boden und er sei nun am Boden angelangt. Dein Einfluss hat da wohl nicht weit gereicht. Ich war es wohl nicht wert, mehr als sechs Wochen geliebt zu werden. Du sagst ja gar nichts. Dann liege ich offenbar nicht so falsch.
Auch im Wort „Liebeskummer“ kommst Du vor. Ist schon fast ein schlechter Witz, diese zwei Wörter zu kombinieren. Liebe sollte nichts mit Kummer zu tun haben, sie sollte ihn vertreiben, jawohl. In meinem ersten Liebeskummer warst Du jedenfalls weit, weit weg. Du denkst wohl, wer sich dumm anstellt, soll gefälligst auch selbst wieder aus dem Meer der Tränen auftauchen. Aha, Du sagst wieder nichts. Wundert mich das?
Und dann, als ob diese Lektion nicht hart genug gewesen wäre, treibst Du mich in die Arme eines faszinierenden, rebellischen und gut gebauten Jünglings. Wäre er in einer Ritterrüstung erschienen, ich hätte mich nicht eine Sekunde darüber gewundert. Zum Donnerwetter noch mal, hast du keinen Besseren für mich gefunden? Was schaust du mich so fragend an? Mit besser meine ich bestimmt nicht das Aussehen, da hast du wahrlich immer aus dem Vollen geschöpft. Und ich bin natürlich drauf reingefallen. Ich habe mich schon ab und zu gefragt, wie das möglich ist, dass ausgerechnet ich solche Mannsbilder bezirzen kann. Ich war nie eine SuMaWuScha 1) wie man in meiner Jugendzeit die schönen oder auffallenden Frauen genannt hat. Aber ich war jung und dumm und vor allem verliebt, sonst wäre ich wohl schon früher drauf gekommen, dass Du was im Schilde führst. Du musst gar nicht den Kopf schütteln, dazu brauche ich keine Rückmeldung von Dir.
Immerhin dauerte die Beziehung mit dem Traumprinzen in glänzender Rüstung deutlich länger, fast zwei Jahre. Aber was für Jahre. Die grosse Anziehungskraft zwischen uns war immer präsent, doch fesselte sie mich mehr an ihn, als ihn an mich. Im Klartext, er sah die anderen Frauen noch, ich ignorierte andere Männer, denn ich hatte ja Mr. Right. Wenn ich’s mir recht überlege, hat der Glanz seiner Ritterrüstung wohl alles andere überstrahlt oder mich so geblendet, dass ich gar nichts mehr sehen konnte. Danke auch, das hast Du wirklich elegant gelöst. Ich bin im Netz des Glanzes hängen geblieben, habe mich betrügen und belügen lassen und habe trotzdem während der ganzen Zeit nur intensive Liebe gespürt. Dennoch hast mich lange nicht freigelassen. Im Gegenteil, Du hast mich immer noch tiefer eintauchen lassen. Wozu? Um den Schmerz dann ins Unermessliche zu steigern? Du wusstest genau, was kommen würde. Und irgendwann traf mich die Realität mit voller Wucht: Ich war für ihn nicht die Eine, ich war eine von vielen. Ein Gutes hatten meine schlechten Erinnerungen an die erste Liebe, ich hatte nun Erfahrung und konnte sie auch nutzen. Was er nicht für nötig hielt und Du nicht rechtzeitig für mich tun konntest, habe ich selbst für mich getan: Ich habe den Ritter samt glänzender Rüstung ins Pfefferland geschickt. Der Liebeskummer war trotzdem unvermeidlich und dieser hat erst noch viel länger gedauert als der erste. Sehr einfühlsam von Dir, nicht nur die zum Scheitern verurteilte Liebesbeziehung, sondern auch den unangenehmen zweiten Teil davon zu verlängern.
Du brauchst gar keinen Dackelblick aufzusetzen, kein Quentchen Erbarmen hattest Du. Es hat mich nicht umgebracht, aber das war ganz allein mein Verdienst, nur damit das ganz klar ist. Und dann, aufgetaucht aus dem Liebesschmerz, stürzt Du mich schon ins nächste Unglück. Mit der Eingebung, dass ich ab nun in Sachen Liebe die führende Rolle übernehme, treffe ich auf einen blondgelockten Jüngling, der sich bis über beide Ohren in mich verliebt und sich ohne Widerstand in diese Abhängigkeit begibt. Ich geniesse meine neue Rolle, habe alles im Griff, weiss was ich will. So kommt es gut, denke ich mir, und wiege mich in falscher Sicherheit. Denn diesmal bist Du gar nicht bei mir, sondern nur bei ihm. Und wie Du ihn anfeuerst und bestärkst. Bald schon wird es mir zu eng, mir fehlt die Luft, er erdrückt mich mit seiner Liebe. Ich will doch nur den Lead, ich will nicht aufs Podest gestellt werden. Ehrlich, Du bist einfach unmöglich. Wie kann es sein, dass die Liebe so unsensibel ist. Hast Du denn nicht gemerkt, dass ich ihn nur mochte und nicht liebte, er sich aber nach mir verzehrte? Was hast Du uns beiden nur angetan. Da Du es nicht korrigieren konntest oder wolltest, bin ich davongelaufen. Er hat gelitten wie ein Hund, und ich hatte noch nie im Leben so ein schlechtes Gewissen. Warum stürzt Du mich in solche Abgründe? Was ist es nur, dass Du noch aus mir herausholen willst? OK, Du willst es nicht verraten, das verstehe ich. Sonst wäre es ja vorbei mit Deinem Zauber.
Sein Leiden war wohl irgendwann vorüber, nur mein schlechtes Gewissen hielt sich noch eine Weile. Manchmal, wenn alte Erinnerungen mich einholen, lebt das Gefühl von damals wieder auf. Nichts Angenehmes, das versichere ich Dir.
Meine Erfahrungen mit der Liebe waren in der Zwischenzeit ziemlich umfassend: Ich habe geliebt, wurde abgewiesen. Ich habe mehr geliebt und wurde betrogen. Ich wurde geliebt, schon fast verehrt, und empfand nur Sympathie. Ich fand das für meine inzwischen 20 Lebensjahre einen beachtlichen Strauss von unterschiedlichen Erfahrungen mit der Liebe. Oder was meinst Du, gibt es da noch mehr? Ja, ja, schon klar, Du hüllst Dich in Schweigen. Dann kläre ich Dich auf:
Ich wollte nicht mehr verlassen werden, wollte nicht mehr betrogen werden. Ich wollte lieben und geliebt werden. Ganz einfach. Aber wie macht man das, wenn sich die Liebe plötzlich einfach raushält. Ja, schau mich nicht so verwundert an. Genau das hast du getan. Weit und breit keine Schmetterlinge für den Bauch. Dafür umso mehr interessierte Typen, die bei mir alle bereits in der ersten Testphase durchgefallen sind. Da staunst Du, nicht wahr, ich habe dazu gelernt, habe den Kopf nicht schon beim ersten Kompliment ausgeschaltet, sondern die Möchte-Gern-Märchenprinzen alle vorgängig auf Herz und Nieren geprüft. Was schaust Du denn so enttäuscht drein, ich bin nicht die einzige, die auf solche Ideen kommt. Aus Schaden wird man klug. Sieh Dir doch all diese Paarvermittlungs-Portale an, die machen es genau so, also sind da offenbar ziemlich viele Menschen, die aufgrund ähnlicher Erfahrungen mit Dir zum selben Schluss gekommen sind wie ich. Kein Wunder, bei Deinem Versuch-und-Irrtum-Verfahren mag keiner lange mitmachen. Da ist es doch wesentlich leichter und schmerzloser, einen Fragebogen auszufüllen, sich in Bild und Wort von der besten Seite zu zeigen und das Angebot ins Netz zu stellen. Ich nehme an, dass Dir diese Konkurrenz gar nicht gefällt. Da kannst Du ja nicht mehr experimentieren. Da finden sich Morgenmuffel, Workaholics oder niveauvolle Singles nur mit ein bisschen administrativem Aufwand. Tja, tut mir leid für Dich, Dein Spielfeld hast Du selbst eingeschränkt. Bald wird sich niemand mehr von Dir in schwindelerregende Gefühlshöhen jagen lassen, nur um dann wieder ins Meer der Tränen abzustürzen.
Jetzt wirkst Du echt verzweifelt auf mich. Vielleicht solltest Du Deine Strategie ändern. Ich jedenfalls habe meine geändert. Äusserlichkeiten habe ich auf die hinteren Ränge verschoben, dafür charakterliche Eigenschaften nach vorne. Ein anregender Gedankenaustausch, moderne Einstellung zu karrierebewussten Frauen und weder Heiratsabsichten noch Kinderwunsch waren mir ebenso wichtig. Es blieb nur einer übrig nach diesem Check. Und mit ihm habe ich mir Zeit gelassen. Wir haben beide gleichzeitig in unsere Weiterbildung intensiviert, haben uns zwischendurch auf Reisen erholt und uns besser kennengelernt. Die Anziehungskraft war von Anfang an da, aber nicht so ungestüm und unkontrollierbar wie bei den ersten beiden Erfahrungen. Vielleicht waren wir deshalb auch so lange Zeit verliebt, bis es in Liebe überging. Und dann war es Zeit für eine gemeinsame Wohnung und 12 Jahre später hat sich dann auch unsere Einstellung zum Heiraten geändert. Das ist nun 20 Jahre her. Wie Du siehst, hat meine Strategie zu einem Langzeitprojekt geführt. Das würde sich übrigens in Deinem Curriculum auch gut machen. Ich weiss, dass Du solche Erfolge vorweisen kannst. Meine Eltern sind seit 57 Jahren glücklich miteinander verheiratet. Aber in letzter Zeit hast Du schon etwas nachgelassen, die boomenden Partnerbörsen sprechen eine deutliche Sprache.
Nun wirkst Du ratlos. Schön, wenn Du bereit bist, Deine Situation zu überdenken. Immerhin hast Du einen gewaltigen Einfluss auf ein Menschenleben und diese Möglichkeiten sollte man weise einsetzen.
Aber Du hast immer noch nichts gesagt. Willst Du Dich den gar nicht verteidigen, Dich erklären? Was zeigst Du auf mich, meinst Du etwa, ich kann erraten, was Deine wahren Absichten sind? Na gut, ich mache einen Versuch. Schau mich nicht so ängstlich an, ich werde wohlwollend sein. Schliesslich habe ich ja meine Liebe gefunden und das besänftigt ungemein. Ich denke, die Liebe hat wie alles im Leben auch etwas mit dem freien Willen der Menschen zu tun. Wir können uns ganz einem Gefühl hingeben und das Risiko in Kauf nehmen, verletzt zu werden. Wenn wir das tun, erleben wir nicht nur die überwältigenden Gefühle des Verliebtseins, sondern erschaffen erst die Möglichkeit zu erleben, was es heisst, geliebt zu werden. Du hast wirklich Glück. Denn seit ich Kinder habe, bin ich wesentlich milder gestimmt Dir gegenüber. Denn bei der Liebe zwischen Eltern und Kindern hast Du alles richtig gemacht. Sie überwältigt einen und übersteht alle Stürme. Sie ist kraftvoll, sie weicht nicht aus, sie lässt nicht los. Du lässt nicht los und darum vertraue ich Dir nach wie vor. Ich schalte meinen Kopf zwar nicht mehr ganz aus so wie in jungen Jahren, aber so soll es wohl auch sein. Um im Alter weise zu werden, muss sich ja die Erfahrung irgendwo sammeln können.
Noch nicht ganz klar ist mir, warum Du so einen deutlichen Unterschied machst zwischen Liebe innerhalb der Familie und Liebe zwischen Paaren. Im Gegensatz zur Familie begegnen sich dabei ja zwei Fremde, da wäre Deine Unterstützung doch umso mehr nötig. Die einen schützt Du, die anderen beglückst Du mit Deinem Liebesfunken und lässt sie dann allein. Eine logische Schlussfolgerung wäre die Zunahme der Bevölkerung. Klar, Du bist einfach überlastet. Keine Aufregung, beruhige Dich. Ist schon klar, die Liebe kann nicht überfordert sein. Wir Menschen jedoch schon, gerade mit der Liebe. Deshalb brauchten wir auch Deine Unterstützung. Halt, jetzt weiss ich es. Du lässt uns gar nicht allein, Du traust uns nur viel mehr zu als wir uns selbst. Deine erleichterte Miene und Dein erfreutes Lächeln sagt alles, ich habe Recht. Meine Güte, tut mir wirklich leid, was ich zu Beginn alles gesagt habe über Dich, ich wollte Dich wirklich nicht kränken. Aber wenn Du nur einmal erlebt hättest, wie unglaublich schmerzhaft Liebeskummer sein kann und wie lange das Herz schwer in der Brust liegt, bis es heilt… Was? Ach so, ich verstehe. Das hast Du erlebt, Millionen Mal warst Du dabei, hast an der Seite derer gewacht, die im Liebesschmerz versunkenen waren. Sie aber haben nichts davon bemerkt, weil sie nichts anderes gespürt haben als ihren endlos scheinenden Schmerz…
Was hat Dich denn bei all diesem Schmerz noch an Dich selbst glauben lassen? Musst Du so lange darüber nachdenken oder weisst Du es selbst nicht? Du weisst es, ich sehe es in Deinen Augen: Die Liebe glaubt immer an die Liebe! Und dafür danke ich Dir.
Herzlich,
Yvonne
1)SuMaWuScha: SuperMaximaliWunderschabä
Sind pflichtbewusste Menschen auch immer gute Menschen?
Ansichten einer Zehnjährigen ;-D